Offener Brief vom 01.10.2021
 

BREMSKLOTZ

Für den Komplettabbruch des Stasi-Neubaukomplexes auf dem Matthäikirchhof

Unter völliger Missachtung verträglicher städtebaulicher und stadtgestalterischer Bezüge wurde der Bau von 1980 bis 1985 für Volkspolizei und Staatssicherheit errichtet – eine Demonstration der Macht, eine betonierte Respektlosigkeit gegenüber dem Ort und seiner Geschichte, ein Fremdkörper im Stadtraum.

Architektonischer Wert ist diesem häufig angewandten Industriebausystem des Vereinheitlichten Geschossbaus (VGB) nicht zuzusprechen.

Der Winkel an der Großen Fleischergasse ist desolat, mit seinem Abriss rechnet wohl selbst die Verwaltung, wobei zur Schonung der Ressourcen Bauschutt und Aushub maximal zu recyceln sind (u. a. RC-Beton). Um einen qualitätvollen Neuanfang zu ermöglichen, ist auch der Abbruch des Resttraktes zwingend, da er dem hohen Revitalisierungsanspruch dieses Viertels unter allen Aspekten entgegensteht:

– erhebliche Einschränkung der Flexibilität der Neuplanung– defizitäre städtebauliche Lage– ausgeprägte Barrierewirkung besonders in Bezug zur Treppenanlage des Richard-Wagner-Denkmals– ebenso strukturstörend: die 1,5 Meter hohe Sockelzone des Erdgeschosses– überdies bedeutet der Erhalt unkalkulierbare, jedenfalls exorbitante Umbau- und Sanierungskosten

Der Wert der politischen Erinnerung des nur rund vier Jahre genutzten Stasikomplexes ist mit dessen Beseitigung nicht gelöscht. Diese Geschichte kann auch mit dem Erhalt typischer Elemente erzählbar bleiben, so Roland Jahn, Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen, in der Auftaktveranstaltung zum „öffentlichen Beteiligungsprozess“ zur Entwicklung des Matthäikirchhofs am 19. April 2021.

Das begriffliche und lokale Symbol des Stasi-Standorts ist und bleibt die „Runde Ecke“. Der für 2022 vorgesehene Wettbewerb zur städtebaulichen Neustrukturierung des Matthäikirchhofs, der Keimzelle der Stadt, sollte nach eingehender öffentlicher Diskussion der Aufgabenstellung unbedingt als offener Architektenwettbewerb durchgeführt werden, um die größtmögliche Bandbreite von Lösungsvorschlägen zu erreichen.

Leipzig, 1. Oktober 2021

Initiative Leipziger Architekten (ILA), bestehend aus Mitgliedern des Bundes Deutscher Architektinnen und Architekten (BDA), des Bundes Deutscher Baumeister (BDB), des Leipzig Architektur und Kulturvereins e.V. (LEV) sowie der Vereinigung für Stadt-, Regional- und Landesplanung e. V. (SRL), Stadtforum Leipzig, Bürgerverein Pro Leipzig e. V.